Artikel aus der
Stuttgarter Zeitung
vom 16.01.2006


Dem geklonten Menschen gibt keiner seinen Segen

Podiumsdiskussion zum Weltreligionstag - Verantwortung und Gesetze sollen der Genforschung Grenzen setzen

Die ethischen Grenzen der Gentechnik haben Vertreter von sechs Religionen gestern im Rathaus ausgelotet. Zum Weltreligionstag kreiste die Podiumsdiskussion um die Fragen, wann menschliches Leben beginnt und wo menschliche Freiheit endet.

Von Dorothee Haßkamp

Darf der Mensch alles, was er kann? Für die sechs Religionsvertreter und wohl die meisten ihrer rund 200 Zuhörer war das am Sonntag eine rhetorische Frage - erst recht bei einem so brisanten Thema wie der Gentechnik am Menschen. Sie verurteilten dann auch übereinstimmend die menschlichen Schöpfungsversuche: Zu einer schrankenlosen Gentechnik bis hin zum geklonten Menschen gab keiner seinen Segen. Unterschiedliche Antworten geben die Religionen allerdings auf die Frage nach dem Beginn des menschlichen Lebens. Die rote Linie, von der an menschliche Zellen und Embryonen für Forschung und genetische Manipulationen tabu sein sollten, zog daher jeder für sich.

Der Genetiker Hansjörg Walther von der Stuttgarter Bahai-Gemeinde, die mit dem Arbeitskreis für den Weltreligionstag zur Podiumsdiskussion im Rathaus geladen hatte, stellte fest: "Genetische Informationen sind schwer kalkulierbar und haben unwiderrufliche Folgen über Generationen hinweg." Er plädierte dafür, erst diejenigen Forschungswege auszuschöpfen, die ethisch unproblematisch seien - auch, wenn sie aufwendiger und teurer sind. So ließen sich viele Ergebnisse der umstrittenen embryonalen Stammzellenforschung auch mit adulten Stammzellen erzielen. Für seine Religionsgemeinschaft ist die Frage jedoch eindeutig: "Für Bahai beginnt das Leben mit der Befruchtung."

Das sieht die jüdische Tradition anders. Zurückhaltend beurteile die jüdische Lehre etwa die Befruchtung außerhalb des weiblichen Körpers, so der Landesrabbiner Netanel Wurmser von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg: "Die Befruchtung macht noch keinen Menschen." Nach der religiösen Überlieferung beginne das menschliche Leben 40 Tage nach der Befruchtung.

Ähnlich äußerte sich der Vertreter der Islamischen Gemeinschaft Stuttgart, der Kinderchirurg Ferid Kugic: Mit der Verschmelzung von Samen und Eizelle entstehe eine einzigartige, schützenswerte Kombination, doch erst in der 42. Nacht gebe Gott den Geist dazu. "Nicht wir, sondern Gott ist Herr des Lebens. Wir können nicht bestimmen, wann wir geboren werden - das sollten wir bedenken", betonte Kugic. Der Gesetzgeber sei aufgerufen, die Neugier und den Enthusiasmus der Forscher zu bremsen.

Während in der protestantischen Kirche die Mehrheit dazu tendiere, den Beginn menschlichen Lebens mit der Befruchtung anzusetzen, sehe eine Minderheit die Einnistung in der Gebärmutter als den entscheidenden Moment, in dem menschliches Leben entstehe: "Damit steht eine Tür zur embryonalen Forschung offen", meinte Günter Renz von der Evangelischen Akademie Bad Boll.

Eindeutig ist hingegen der Standpunkt der katholischen Kirche, den sein katholischer Kollege Urs Baumann von der Universität Tübingen referierte: "Die Befruchtung stellt den Beginn des Lebens dar." Wie zuvor schon Paul Köppler von der Deutschen Buddhistischen Union, betonte auch der Katholik in seiner persönlichen Stellungnahme die Verantwortlichkeit jedes einzelnen, Entscheidungen ethisch abzuwägen und die Absichten kritisch zu hinterfragen.

"Der Wissenschaftsstandort Deutschland, finanzielle Interessen der Pharmaindustrie und persönliche Eitelkeiten der Forscher sind keine ethischen Argumente", stellte Baumann klar. "Das pubertäre Freiheitsverständnis, der Mensch dürfe alles, was er kann, wird durch die ethische Verantwortung jedes einzelnen aufgehoben."