Artikel aus der
Stuttgarter Zeitung
vom 26.01.2004
Gemeinsames feststellen,
ohne Unterschiede zu leugnen
Bürgermeister Klaus-Peter Murawski ruft zu "Klima der Toleranz" auf - Dialog zwischen den Religionen als zentrale Aufgabe
Etwa 400 Gäste sind gestern anlässlich des Weltreligionstages ins Neue Schloss gekommen. Dort haben Vertreter verschiedener Glaubensrichtungen etwa die Frage diskutiert, ob alle Menschen an denselben Gott glauben.
Von Claudia Krüger
Die Schirmherrschaft hatte die Landeshauptstadt übernommen, organisiert worden war die Veranstaltung wie in den vergangenen Jahren auch vom Geistigen Rat der Bahá'í in Stuttgart. Das Bahá'ítum gilt als die jüngste Weltreligion, sie ist um 1844 im damaligen Persien entstanden. Weltweit sechs Millionen monotheistische Anhänger glauben, dass sich Gott in allen Weltreligionen offenbart. Dialog, Akzeptanz und Toleranz seien daher wichtige Attribute nicht nur dieser Religion.
Alle Vertreter auf dem Podium machten gestern im Neuen Schloss deutlich, dass der Respekt für Menschen anderer Kulturen und Religionen trotz vieler Unterschiede zu den wichtigsten Bausteinen für ein friedliches Miteinander gehöre. Bürgermeister Klaus-Peter Murawski etwa betonte in seinem Grußwort, wie wichtig der Dialog zwischen den Religionen sei, um weiterhin ein Klima von Toleranz zu garantieren. "Die Gemeinsamkeiten feststellen, ohne die Unterschiede zu leugnen" - diese Forderung Murawskis zog sich wie ein roter Faden durch die Diskussion, die von dem Theologen und Fernsehredakteur Raimund Ulbrich moderiert wurde.
Der Landesrabbiner Netanel Wurmser erinnerte daran, dass es nicht selbstverständlich sei, dass "alle Brüder hier beieinander sitzen". Prälat Martin Klumpp von der Evangelischen Prälatur Stuttgart wies darauf hin: "Gleich zu werden ist nicht das Ziel von Dialog. Zur Liebe von Gott gehört, dass er uns Menschen so aushält, wie wir sind." Alle monotheistischen Religionen hätten Elemente der Wahrheit, die es zu erörtern gelte. Die Bibel sei kein wörtliches Diktat, sondern ein "auszulegendes Zitat der Liebe".
Professor Urs Baumann, Theologe am Institut für Ökumenische Forschung an der Universität Tübingen, machte deutlich, wie wichtig der Dialog sei, "um herauszufinden wozu wir Ja oder Nein sagen". Die Gottesvorstellungen reichten heute von einer kosmischen Energie bis zu einem Gott, der einem persönlich begegne. Umso wichtiger sei in einer Zeit, "wo der Glaube zur individuellen Sache geworden ist", der Austausch.
Für Armin Eschraghi, Orientalist bei der Gesellschaft für Bahá'í-Studien in Frankfurt, ist Gott eine höhere Macht, die zu verschiedenen Zeiten zur Menschheit spricht. So hätten Abraham, Jesus, Mohammed und zuletzt Bahá'u'lláh den Willen Gottes verkündet - und zwar immer in einer Sprache, die der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklung angepasst war. Die Unterschiede der Religionen sind seiner Ansicht nach legitim, doch letztlich glaubten alle an ein und denselben Gott.
Ganz in diesem Sinne rief der Stuttgarter Religionswissenschaftler Michael Blume dazu auf, nicht immer jedes theologische Detail in den Vordergrund zu stellen. Am besten offenbare sich Gott dort, "wo Menschen gut miteinander umgehen".
Angesichts der Vorurteile, mit denen der Islam in jüngster Zeit zu kämpfen hat, war es dem Islamwissenschaftler Imam Bekir Alboga umso wichtiger, einen zentralen Grundsatz seiner Religion herauszustellen: "Unser Gott und Euer Gott ist der Einzige." Jeder Mensch könne Gott im Innersten seines Herzens spüren. Juden, Christen und Muslime hätten nur jeweils andere Wege, "um den Lohn vom Herrn zu empfangen".
So unterschiedlich die Religionen sind, so sehr war die mehrstündige
Veranstaltung geprägt von einem besseren Verständnis für das
weite Spektrum der Sichtweisen. Manche Frage blieb freilich dennoch unbeantwortet
- Ziel war aber ohnehin, einmal mehr eine Brücke zwischen den Religionen
zu bauen.