Weltreligionstag
Stuttgart 2002


Weitere Teilnehmer des Podiumgesprächs:

Meinhard Tenné
Zentralrat der Juden

Dr. Paul Köppler
Deutsche Buddhistische Union

Prof. Urs Baumann
Universität Tübingen, Ökumenische Forschung

Dr. Nadeem Elyas
Zentralrat der Muslime

Johannes Frühbauer
Stiftung Weltethos

Dr. Andreas Rössler
Moderation


 

Erklärungen des Interkulturellen Rats

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Christopher Sprung


 

 

 
 

Christopher Sprung
Geistiger Rat der Bahá'í in Deutschland (Sprecher)

Statement
«Religionen gemeinsam gegen Gewalt»

 
 
Wir sehen nach dem 11. September und durch die Zuspitzung globaler Konflikte die Offenheit, die Grundwerte unserer pluralistischen Gesellschaft gefährdet.

Aber um welche Werte handelt es sich? Kann die offene, pluralistische Gesellschaft überhaupt Werte haben, Werte vermitteln, oder stellt sie «nur» den schützenden Rahmen für individuelle Freiheit und Selbstbestimmung, Aufklärung und Demokratie?

Welches Minimum an Werten, welchen Wertekonsens, muss unsere offene, pluralistische Gesellschaft von allen, die Freiheit und Pluralismus wollen, um der Aufrechterhaltung dieser Freiheit willen von nun an verlangen?

Auch die Religion, jede Religion, muss ihren Beitrag für eine pluralistische Gesellschaft neu überdenken.

So betrachet, haben die Religionen in dieser Zeit eine besondere gemeinsame Verantwortung.

Doch Religion ist ambivalent. Ihrer Bestimmung nach soll sie, wie Baha'u'llah sagt, «Liebe, Eintracht und Frieden unter den Menschen stiften», sie soll das «Werkzeug der Einheit» sein.

In der Tat haben sich Religionen als die integrierendste Kraft in der Geschichte erwiesen. Alle haben es vermocht, Menschen unterschiedlichster Kultur und Bildung unter ihrem jeweiligen Dach zu vereinen. Und doch haben sich die Religionen über die Geschichte hinweg als die hartnäckigsten Friedensstörer erwiesen, weil Finalitäts-, Exklusivitäts- und Superioritätsansprüche den Blick für die Fülle der Gemeinsamkeiten der Religionen verstellten und Feindbilder entstehen liessen. «Alles Erhabene,» heißt es in den Bahá'í-Schriften, «kann zu bösen Zwecken mißbraucht werden.» Religiöser Fanatismus ist die schlimmste Pervertierung der Religion. «Wenn die Religion zu Streit und Haß führt, wäre es besser, es gäbe keine.»

Wenn dem so ist, wenn es also nicht um Abschottung geht, dann rufen wir Bahá'í dazu auf, zum Schutz von Freiheit und Pluralismus eine übergreifende Verbindlichkeit von Werten festzustellen.

Ein solcher übergreifender Wertekonsens darf sich aber nicht mehr nur am minimal erreichbaren, am kleinsten gemeinsamen Nenner orientieren.

Wir plädieren dafür, aus der gemeinsamen Quelle der Kulturen und Religionen das Maximum der Werte zu schöpfen.

Nach dem Glauben der Bahá'í gilt es heute, alle Absolutheitsansprüche über Bord zu werfen und unsere gemeinsame Quelle, den gemeinsamen Ursprung aller Religionen zu erkennen und an ihn zu glauben.

Das ist weit mehr als Toleranz.

Toleranz kann nämlich lediglich generöse «Duldung des Andersgläubigen» meinen; selbst glaubt man aber noch an die eigene Überlegenheit, an die Alleingültigkeit seiner Wahrheit.

An die gemeinsame Quelle der Religionen zu glauben, heißt aber, jede «andere» Religion nicht nur zu «dulden», sondern an ihren ebenso gleichrangigen Wahrheitskern, an ihre ebenso gleichwertige göttliche Quelle, zu glauben.

Damit mache ich die Religionen nicht gleich. Sondern in ihrer Vielfalt umarme ich sie auf gleicher Augenhöhe, weil ich weiß: sie alle kommen von Gott.

Dass wir heute hier gemeinsam sprechen können, bedeutet sehr viel. Ist dies nicht ein Zeichen, dass die Türen der Religionen von jetzt an für immer offenzuhalten sind? Ist nicht jede Religion ein Weg zu Gott, eine Tür zum Göttlichen? Ist die Zeit der Ausgrenzung, der Abschottung der Religionen untereinander nicht jetzt vorbei?

Wir schlagen der Religion in der Moderne vor, ihre übergreifende Einheit an der Quelle zu erkennen und für alle sichtbar vorzuleben, dass Religion auf die Nöte der heutigen Zeit ausgerichtet ist.

Wir schlagen der zivilen Gesellschaft vor, individuelle Freiheit und Selbstbestimmung, Aufklärung und Demokratie nicht noch weiter von verbindlicher Wertevermittlung zu entkoppeln, sondern das Wagnis des Dialogs, ja der Versöhnung mit Religion einzugehen.

In den grossen Gefahren, die sowohl die Globalisierung wie auch die Abschottung in sich bergen, rufen wir zu einem Maximum an Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen auf, verstanden nicht als Gleichmacherei, sondern als Einheit in der Vielfalt.

Nur so können die Religionen nach dem 11. September noch eine Bedeutung haben: indem sie sich noch stärker als bisher auf die ihnen doch gemeinsame Quelle beziehen, indem sie Versöhnung vorleben, indem sie ihre Streitigkeiten beenden und indem sie auf der ganzen Welt, in Kirchen und Moscheen, Tempeln und Pagoden ein Maximum an gemeinsamen, kulturübergreifenden Werten verkünden und vorleben.

 

Links
Bahá'í Gemeinde Deutschland
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Veranstalter:

Arbeitskreis für den Weltreligionstag
Bahá'í Gemeinde Stuttgart
Friesenstr. 26 - 70435 Stuttgart
Tel. (07 11) 80 70 71 47

 
 

 


stuttgart@weltreligionstag.de